Sie hatte sich schon sehr auf die Geburt ihres ersten Enkels gefreut.
Bereits am 19. April 2005 hatte es einige
erste Wehen bei meiner Sabine gegeben, doch im Krankenhaus schickte man uns noch einmal nach Hause.
Am Abend wurde der neue Papst Benedikt gewählt - aber was ist das schon im Vergleich zur bevorstehenden Geburt des
eigenen Kindes ?
Großeltern und Eltern in spe erwarteten gespannt die nun greifbar nahe Geburt.
In den frühen Morgenstunden des 20. April 2005, in jenen Minuten, in denen bei Sabine auch wieder
die Wehentätigkeit einsetzte und wenige Stunden vor der Geburt ihres Enkels stürzte meine Mutter im Schlafzimmer ihrer Wohnung und zog sich dabei einen glatten
Oberschenkelhalsbruch zu. Es war nicht das erste Mal, daß sie gestürzt war. Doch zuvor war es immer wieder einer glücklichen Fügung zu verdanken, daß ihr außer blauen Flecken nichts zugestoßen ist. Jedesmal waren wir so unheimlich froh gewesen, daß nichts schlimmeres passiert war, ein Oberschenkelhalsbruch, davor hatten wir immer die größte Angst.
Nun war es doch so gekommen. Die Nachricht ereilte Sabine und mich am Morgen, als wir bereits im Kreißsaal eingetroffen waren, mitten in unserer gespannten Vorfreude auf
ein unvergleichliches Erlebnis unseres Lebens, einem Tag, auf den wir uns schon lange gefreut hatten, der einer der Höhepunkte unseres Lebens werden sollte, die Geburt unseres kleinen Simon.
Die notwendige Operation meiner Mutter sollte zwei Tage später anstehen und würde - wie wir
natürlich sofort wußten - ein ganz erhebliches Risiko darstellen, da neben dem fortgeschrittenen Alter auch diverse
Alterserkrankungen und vor allem ein sehr schwaches Herz und ein Herzfehler die Hoffnungen auf einen glücklichen Ausgang der Operation ganz
deutlich reduzierten und wir mit dem Schlimmsten rechnen mußten.
Welch ein Tag, wie kehrte sich doch binnen Minuten die Freude über die an diesem Tag anstehende Geburt unseres
ersten Kindes in ein Wechselbad der Gefühle - zwischen Freude und Furcht, besonders bei mir.
Wir verbrachten den ganzen Tag im Kreißsaal, Sabine konzentrierte sich sicherlich mehr auf die Geburt, aber bei mir wechselten die Gedanken hin und her zwischen Geburtsvorbereitung und Schicksal meiner Mutter. Simon wurde um 19.13 Uhr geboren, gesund und munter glücklicherweise.
Am nächsten Tag, dem Tag vor der Operation, konnte meine Mutter den Enkel zumindest auf den ausgedruckten ersten digitalen Fotos sehen.
Ich verbrachte den Tag damit, von 8 Uhr bis 22 Uhr zwischen den beiden Krankenhäusern in der Innenstadt und am Stadtrand hin
und her zu pendeln. Welche Gedanken schießen einem da durch den Kopf. Auf der einen Seite will man Frau und neugeborenes Kind
nicht allzulange alleine lassen, den Beginn des neuen Lebens sehen, dem wir fast neun Monate entgegengefiebert haben,
auf der anderen Seite will man aber auch die Mutter noch möglichst viel sehen, in den möglicherweise letzten Stunden ihres Lebens. Auf dem Krankenhausflur hatte ich vor dem ersten Besuch noch den behandelnden Arzt meiner Mutter getroffen. Seine konkreten Prognosen waren nicht gut und er klang sehr besorgt und so war meine Stimmung beim Eintritt ins Krankenzimmer wieder am Boden. Meine Mutter war sehr geschwächt und mitgenommen. Ich mußte mühsam meine Tränen unterdrücken.
Am Morgen des 22. April fand die Operation statt. Mein Vater und ich waren vorher noch bei ihr, bis sie in den Operationssaal geschoben wurde. Sie hatte Angst vor der Operation, wir auch. Würde sie den schweren Eingriff überleben ?
Es war ein sehr, sehr langer Vormittag für uns. Nach der Operation sah es mittags zunächst gut aus, die Ärzte waren zufrieden und wir waren so froh, daß meine Mutter die Operation so
gut überstanden zu haben schien. Als mein Vater meine Mutter nachmittags gerade besuchen wollte, ließ man ihn nicht auf die Intensivstation, ein Arzt rannte eilig in die Station, meinen Vater etwas um Geduld bittend. Mein Vater wartete vor der Station und ahnte nichts Gutes. In der Tat hatten sich plötzlich ernsthafte Probleme mit dem Herzen eingestellt.
Es erfolgte die sofortige Versetzung ins künstliche Koma. Man machte uns nicht allzugroße Hoffnungen, sprach von einer "Chance" auf Überleben. Die folgende Nacht sei entscheidend. Wenn sie diese überleben würde, wäre das schon ein Stück weiter. Es war ein entsetzlicher Abend, Minute für Minute hofften wir, daß das Telefon nicht klingeln würde ...
Es klingelt nicht, doch unser Schlaf war trotzdem nicht gut gewesen.
Es folgten Tage des Abwartens, jeder weitere Tag erschien uns dabei schon wie ein Stückchen weitere Hoffnung. Die nächsten zwei Tage änderte sich nichts an meinem Tagesablauf. Besuche in beiden Krankenhäusern. Bei Sabine und Simon fröhliche Besuche, bei meiner Mutter besorgte Besuche. Sie lag weiterhin im Koma, inmitten von Schläuchen und Drähten, monoton arbeitete das Beatmungsgerät.
Am 25. April, Montags, kamen Sabine und Simon aus dem Krankenhaus nach Hause.
Am 28. April wurde meine Mutter dann von den Ärzten langsam aus dem Koma geholt. Sie war sehr geschwächt und konnte sich nicht bewegen, nicht einmal die Arme oder den Kopf, und sie konnte sich auch
kaum artikulieren. Sie nahm aber doch alles wahr, was man ihr zeigte oder erzählte.
Und sie freute sich über alles, was wir ihr über ihren Enkel erzählten. Wie gerne hätte ich ihr Simon "live" gezeigt aber
den Transport konnten wir Simon genausowenig zumuten wie auch ein Baby auf die Intensivstation natürlich nicht mitgebracht werden
durfte. Sie konnte sogar noch einmal oder zweimal leise und schwach lachen, als ich ihr vom Windeln wechseln oder wachen Nächten
erzählte. Und auch ein paar neuere Bilder konnten wir ihr zeigen, die sie mit ihren Augen förmlich verschlang. In uns keimte wieder eine größere Hoffnung auf, daß meine Mutter die Operation letztlich doch gut überstehen und sich alles zum Besseren wenden könnte.
Doch dieser 28. April blieb der "beste" Tag dieser Zeit auf der Intensivstation. Fieber und schwacher Allgemeinzustand nagten an ihr und ihr Zustand
verschlechterte sich mit jedem weiteren Tag.
Am 30. April schlief sie nur noch und war nicht mehr ansprechbar. Trotzdem hatten wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben.
Am 1. Mai, Sonntag mittags, erhielt ich von meinem Vater den Anruf, ich möge ins Krankenhaus kommen, es gäbe eine Entscheidung
zu treffen. Es war ein sonniger und warmer Tag mit Temperaturen um die 30 Grad. Auf dem Weg zum Krankenhaus kam ich an Grünanlagen vorbei, in denen die Menschen sich an dem schönen Wetter erfreuten, sich amüsierten.
Bei meiner Mutter hatten sich die Werte so verschlechtert, daß die Entscheidung anstand, sie wieder ins
künstliche Koma verlegen zu müssen und sie künstlich zu beatmen, um sie weiter am Leben zu erhalten. Es hieß, dies wäre
dann aber auch nur ein weiteres Hinauszögern, eine dauerhafte Besserung sei danach auch nicht mehr zu erwarten.
Wir sollten nun die Entscheidung treffen, ob wir den Anschluß an die Maschinen wollten. Anderenfalls würde meine Mutter
in den nächsten 24 Stunden sterben.
Mein Vater hatte bei meinem Eintreffen bereits für sich die Entscheidung getroffen, daß die weitere künstliche Lebensverlängerung
in einer so ausweglosen Situation sicher nicht im Sinne meiner Mutter sein würde. Auch er war am Ende seiner Kräfte. Tagelang hatten wir sie auf der
Intensivstation besucht, in den ersten Tagen des Komas den Körper
inmitten von Schläuchen und Drähten gesehen, ausgeliefert der medizinischen Technik. Meine Eltern waren fast 60
Jahre verheiratet. Ich schloss mich seiner Entscheidung schweren Herzens an.
Wir verbrachten die letzten Stunden ihres Lebens an ihrem Bett, hielten ihre Hände, streichelten ihren Kopf.
Sie nahm uns nicht mehr wahr aber es war dennoch eine Möglichkeit, von ihr Abschied zu nehmen. Zwei Stunden nach
unserer Entscheidung verschlechterten sich die Lungenwerte zunehmend. Die Schwester kam herein und stellte den Alarm am Kontrollmonitor aus,
der nun ganz kritische Werte vermeldete. Nun wußten wir, daß das Ende nahe war.
Einige Augenblicke später, kurz vor 15 Uhr machte meine Mutter ihren letzten Atemzug...
Im Abschiedszimmer des Krankenhauses konnten wir meine Mutter noch einmal sehen. Friedlich lag sie da, ohne die Schläuche und Drähte der vergangenen Tage. An der Eingangstüre zur Intensivstation drückte uns die Schwester einen blauen Plastiksack mit den persönlichen Gegenständen in die Hand. Nur wenige Tage zuvor war mein Vater mit meiner Mutter ins Krankenhaus gefahren, nun war ein blauer Plastiksack alles, was er wieder mit nach Hause nehmen sollte.
Ein Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts kam in die elterliche Wohnung und besprach die Formalitäten. Draußen in den Parkanlagen genossen die Menschen immer noch das sonnige, warmen Wetter des ersten Maitages.
Wie nah können Freud und Leid zusammenliegen. Auf der Beerdigung am 9. Mai folgten auf Beileidsbekundungen Glückwünsche zur Geburt meines Sohnes.
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Wenige Wochen vor ihrem Tod hatte meine Mutter nachts eine Erscheinung gehabt. Sie hörte die Stimme ihrer Mutter, die sie mit ihrem
Namen so rief, wie sie es getan hatte, als sie noch ein Kind war. Seit dem Tode ihrer Mutter Ende der 70er Jahre hatte sie
nie von ihrer Mutter geträumt oder gar ihre Stimme gehört. Nun, erstmals nach fast 30 Jahren hatte sie sie nun so gehört.
Sie nahm diese Erscheinung als Zeichen, daß ihr Tod nahe sei, ihre Mutter wollte sie zu sich ins Reich der Toten rufen.
Dieser Gedanke beschäftigte sie bis zuletzt, bei aller Vorfreude auf den Enkel...
Es sollte sich bewahrheiten ...
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